| Mutter Teresa: Sie war Albanerin, sie war Katholikin, sie war ein Mensch |
| Mittwoch, den 21. Oktober 2009 um 17:03 Uhr |
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------------------- Geschrieben von Kushtrim Demaku
Sehr geehrte Redaktion von Ora-Online.
Ich bin 19 Jahre alt, lebe in der Schweiz, bin aber ursprünglich aus dem Kosovo.
Wie Sie vielleicht auch erfahren haben, hat die, für ihre Hilfe für die Armen dieser Welt, berühmte Persönlichkeit, Mutter Teresa, nächstes Jahr, ihren 100. Geburtsjahr. Ich führte mit einem geschätzten Freund von mir, der übrigens auch Albaner aus dem Kosovo ist, ein allgemeines Gespräch über Mutter Teresa.
Die meisten kennen Mutter Teresa. Die wenigsten wissen aber, dass sie mit richtigem Namen Anjezë Gonxhe Bojaxhiu heisst und ebenfalls, wie mein Freund und ich, aus einer albanischen Familie stammt.
Als ich meinen Freund auf ihre Herkunft hinwies, entgegnete mir dieser, dass wir Albaner uns nicht mit Mutter Teresa rühmen sollten, da sie zwar Albanerin sei, zugleich aber auch eine katholische Christin - wir Albaner hingegen seien Muslime.
Nach dieser Erklärung verspürte ich das Bedürfnis meine Gedanken über Mutter Teresa und ihre Identität als Albanerin niederzuschreiben, da mich diese schon seit geraumer Zeit nicht loszulassen scheinen.
Grundsätzlich gehören die Albaner, gerade jene aus dem Kosovo, zwar übermässig der muslimischen Religion an, unter ihnen gibt es aber auch viele des katholischen Glaubens. In Albanien gibt es vor allem im Süden des Landes auch eine beträchtliche Anzahl an christlich-orthodoxen Albanern.
Ich muss offen zugeben, dass selbst ich, als offen bekennender, albanischer Muslim, meine katholischen Landsleute besonders für ihre Standhaftigkeit und ihr Traditionsbewusstsein sehr schätze. Ebenso bewundere ich christlich-orthodoxe Persönlichkeiten aus der albanischen Geschichte, die viel für ihr Land und für ihre Leute geleistet haben, wie es etwa der albanische Ministerpräsident aus dem Jahre 1924, Fan S. Noli, getan hat.
Wir Albaner haben wohlbekennend nicht viel, worauf wir wirklich stolz sein können. Albanien und der Kosovo, in dem überwiegend Albaner leben, bilden auch heute noch in vielerlei Hinsicht die Schlusslichter Europas.
Wohlwissend, dass es auch unter den verschiedenen albanischen Glaubensangehörigen hin und wieder zu natürlichen Zankereien kommt, so ist doch die grundsätzliche Toleranz und Akzeptanz unter uns, gerade in der heutigen Zeit, etwas, wofür andere uns beneiden können.
Umso schlimmer finde ich es dann, dass man so eine wichtige Persönlichkeit wie Mutter Teresa, nur auf ihren Glauben reduziert oder schlimmer noch, sie und ihre Taten für die Armen dieser Welt nicht anerkennt, weil man einen anderen Glauben trägt. Nächstenliebe und die besondere Liebe und Rücksichtnahme für die Armen und Benachteiligten der Gesellschaft sind doch gerade Werte, die sowohl im Christentum, im Judentum als auch im Islam, die elementaren Botschaften ihrer Religionen darstellen. Und wenn es eine berühmte Persönlichkeit gibt, die diese Werte, wie keine andere Person auf dieser Welt, verkörpert, dann ist es bestimmt Mutter Teresa. Also sollte gerade Mutter Teresa Menschen mit unterschiedlichen Religionsansichten zusammen führen und sie nicht spalten.
Umso mehr ich mich allerdings mit dem Thema "Mutter Teresa" befasst habe und mich mit vielen meiner Landsleute darüber unterhalten habe, so stellte ich fest, dass offenbar noch bei vielen ein weiteres Unbehagen existiert.
Einige sind gerade zu empört darüber, dass Mutter Teresa nach Indien reiste, um den "Ärmsten der Armen" zu helfen, wo es doch genügend arme Menschen in ihrem eigenen Land, unter ihren eigenen Leuten, gab.
Aber ist es nicht gerade das, was sie zu etwas Besonderem macht? Dass Sie nicht zögerte, diese Aufgabe, die man ihr gab oder sie sich selber zuteilte, annahm, um dort zu helfen, wo sie gebraucht wurde, wohlwissend, dass in ihrer eigenen Heimat auch Not und Elend herrschten?
Mutter Teresa stammte aus einer wohlhabenden, albanisch-katholischen Familie, doch in ihrem Umfeld existierte die Armut, in ihrem Umfeld existierte das Leid unter ihren Landsleuten, die oftmals nicht nur in Armut, sondern auch in einer politischen Unterdrückung lebten. Mit 10 Jahren verlor Mutter Teresa ihren Vater. Vielleicht waren es gerade eben diese Erfahrungen, die Mutter Teresa in ihrer Familie und in ihrem engsten Umfeld erlebte, die sie prägten und dazu qualifizierten, in ihrem späteren Leben die Aufgaben zu übernehmen, die für sie vorgesehen waren.
Wenn ich an Mutter Teresa und ihre wertvollen Taten denke, muss ich zwangsläufig auch an etwas anderes denken. Als ich mich mit der albanischen Geschichte während des 2. Weltkrieges befasst habe, musste ich zum einen leider feststellen, dass auch Albaner, vor allem aus dem Kosovo, mit den damaligen Nazis kollaboriert hatten und an der Judenverfolgung teilnahmen. Auf der anderen Seite gab es, insbesondere in Albanien, eine ungewöhnlich bemerkenswerte Rettung von Juden.
Vielleicht waren es gerade eben die traurigen Erfahrungen der Albaner, die sie über Jahrhunderte hinweg – unter Krieg, Armut und fremder Besatzung – durchmachen mussten, um zu erkennen, dass man Menschen in Not helfen muss, denn beim nächsten Mal könnte man selber auf Hilfe angewiesen sein.
Christine von Kohl schreibt zu diesem Thema in ihrem Buch: «Trotz aller Schrecken, die Befreiungs-und Bürgerkrieg für die albanische Bevölkerung bedeuteten, wurde kein Jude an die Deutschen ausgeliefert. Erst im letzten Moment, im Frühjahr 1944, unternahm die Gestapo in Tirana die ersten Schritte zur Registrierung der in Albanien lebenden Juden. Angesichts der großen Gefahr, die das Verstecken von deutschen Juden bedeutete, war der Schutz [durch die «Besa»], welcher ihnen geboten wurde, eine bemerkenswerte moralische Leistung. Darüber gibt es eine Reihe glaubwürdiger Zeugenaussagen. Einzelheiten wurden dem Institut für Studien zum Holocaust in Israel übermittelt. [...] Vom Mut und der Geistesgegenwart albanischer Gastgeber, bei denen Juden wohnten, zeugt unter anderem der Bericht von Mark Menahem, der bei einer Familie in Tirana im Versteck lebte. Als Deutsche an die Tür klopften, steckte ihn die Hausfrau, deren Mann gerade nicht zu Hause war, in dessen Bett und stellte Mark als ihren kranken Mann vor.» – Josef Jakoel wiederum habe berichtet, dass ein Freund nach dem Krieg seinem albanischen Retter als Dank einen Geldbetrag zukommen lassen wollte und folgende Antwort erhielt: «Ich habe Dich als einen Freund behandelt, ich habe dir die ‹Besa› erwiesen […], dem Freund erweisen wir die ‹Besa›, aber wir verkaufen sie nicht»
Es stimmt mich traurig, wenn ich daran denken muss, dass die Albaner und ihre Kultur heute – oder vielleicht war es ja schon immer so – nur noch auf die Blutrache reduziert werden. Davon, dass Mutter Teresa Albanerin war und das viele Albaner während dem 2. Weltkrieg Juden gerettet haben - davon wollen heute die wenigsten wissen. Schlimmer noch. Es gibt Menschen, die Mutter Teresa ihre albanische Identität abzusprechen versuchen, obwohl sie selber öffentlich bekannte: "Vom Blut her bin ich Albanerin, von der Staatsangehörigkeit her Inderin, nach dem Glauben Katholikin und ich gehöre der ganzen Welt."
Dabei spielt es ja im Grunde genommen keine Rolle, ob sie nun Albanerin, Bulgarin oder Serbin war. Für Ihre Taten wurde sie in der Welt bekannt, nicht für ihre ethnische Zugehörigkeit. Wenn man allerdings zwangsvoll versucht, einer berühmten Persönlichkeit eine andere Identität anzulegen, fragt man sich schon, welche Motivation dahinter steckt.
Angesicht dieser Situation, kann ich den Unmut einiger meiner Landsleute in gewisser Hinsicht nachvollziehen. Nicht nur dass eine Albanerin in ein fremdes Land reiste, um den Armen zu helfen, obwohl in ihrem eigenen Land auch Armut vorherrschte; die Welt da draussen scheint es gar nicht zu interessieren, dass sie Albanerin war, man versucht ihr sogar, ihre albanische Identität abzusprechen.
Vielleicht müssen wir aber die wahren Ursachen für unsere Empörung bei uns selber suchen. Vielleicht sind es einfach wir, die Albaner, in den Schlagzeilen der Zeitungen besser bekannt als "Brutalos und Kriminelle", die nach Anerkennung oder nach Wertschätzung dürsten. Das erinnert mich an einen albanischen Schriftsteller, der als Junge mit seiner Familie aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation in seiner Heimat ins Ausland emigrieren musste. Sein damaliger Lehrer beschrieb die Albaner öfters als Kriminelle. Er erwiderte dann: "Aber Herr Lehrer, von uns Albanern gibt es nicht nur Kriminelle; Mutter Teresa, die den Armen dieser Welt half, war Albanerin und der grosse Skanderbeg, der das christliche Europa vor den Türken rettete, war auch Albaner!"
Wenn man uns Albanern jetzt Mutter Teresa wegnimmt und dann auch Skanderbeg, was bleibt uns dann noch?
Das führt mich zu der nächsten Frage. Nämlich, ob man sich als Albaner mit Mutter Teresa mit "fremden Federn schmückt". Mit fremden Federn sollte man sich grundsätzlich nie schmücken, aber stolz sein, auf Sie, ihre Taten und ihre albanische Identität allemal, denn sie tat es auch:
Am Tag der Nobelpreisverleihung
Zur Familiengeschichte von Mutter Teresa
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Nachfolgend veröffentlichen wir einen etwas längeren Leserbrief über Mutter Teresa, den wir auf unsere Redaktionsmail, mit der Bitte zur Veröffentlichung, erhalten haben. Wir möchten dieser Person ihren Wunsch gerne erfüllen und bedanken uns herzlich bei ihm für diesen sehr schönen Text, der den einen oder anderen bestimmt zum Nachdenken anregt. 





Kommentare
Mutter Teresa ist unser Stolz! Zitieren
Wir Albaner haben etwas auf das wir stolz sein können:
Leute wie Kushtrim, die in ihren jungen Jahren sich mit solchen Themen auseinandersetz en.
Wir sind wer. Wir können in vielerlei hinsicht auf uns stolz sein, vorallem das wir trotz Diaspora unser Land nie vergessen. Zitieren
Diese Namen werde ich mich merken. Das ist einer von uns. Und um diese Leute beneiden uns die Feinden mehr als über alles anderen.
Weiterso Kushtrim
Pershendetje nga nje mik nga Tirana.
Bravo Zitieren