| Die Heimat braucht Leben |
| Samstag, den 15. August 2009 um 23:44 Uhr |
|
Zum Gedenken an den Todestag von Jetullah Gashi. Jeta bei seiner Rückkehr nach Deutschland, nach dem Ende des Krieges im Kosovo. Er umarmt seine Mutter.
------------- In einem getarnten Restaurant, das der UÇK als Treffpunkt diente, registrierte man die Namen der Freiwilligen. Jetullah Gashi oder einfach nur "Jeta", was im albanischen "Leben" bedeutet, stand ebenfalls in der Schlange. Als sich die politische und wirtschaftliche Situation in seiner Heimat Kosovo zunehmend verschlechterte, emigrierte Jeta zusammen mit seiner Familie in den frühen 90er Jahren nach Deutschland.
Nach 10 Jahren des erfolglosen gewaltfreien Widerstandes, war die neu gegründete Kosovo Befreiungsarmee (UÇK), fest dazu entschlossen, den bewaffneten Kampf gegen die serbischen Streitkräfte aufzunehmen und ihre Vorherrschaft im Kosovo ein für alle Mal zu beenden.
Die UÇK war eine Mischung aus ausgebildeten Offizieren, die ihre Ausbildung in der jugoslawischen Volksarmee absolvierten, von Idealisten, ohne jegliche militärische Erfahrung und einfachen Bauern, die sich dem bewaffneten Kampf anschlossen.
Als man die Personalien von Jeta aufnahm, bemerkte man seinen deutschen Pass und die hohen Geldsummen, die Jeta in regelmässigen Abständen aus Deutschland der UÇK spendete, damit diese Waffen, Munition und andere militärische Ausrüstungen kaufen konnte. Es waren Gelder von mehreren 10'000 DM.
"Kehr wieder zurück nach Deutschland. Du hast einen Deutschen Pass und somit ein sicheres Leben - mach es dir hier nicht kaputt", schliesslich brauche die UÇK auch Leute, die sie finanziell unterstützen, erklärte man ihm. Doch Jeta wollte von all dem nichts wissen. Er hatte seinen Entschluss schon längst gefasst. Und ohnehin hatte zuvor bereits seine Mutter unter Tränen vergebens versucht, ihn davon abzuhalten. "Nein! Ihr könnt mich töten, aber zurückgehen, werde ich nicht", erinnert sich der Kommandant, Fadil Baton, an die gewillten Worte von Jeta.
Man unterzog Jeta einer militärischen Ausbildung. Er wurde zum "Kommandanten Drenica" befördert. Ihm unterstanden ein paar Hand voll Freiwilligen.
Für Daut Syla, Truppensteller der UCK, waren es seine physische Verfassung, sein gekonnter Umgang mit den Waffen, der rationale Umgang mit der Munition und vor allem seine starke Moral, die Jeta letztlich dazu befähigten, eine Truppe von jungen, meist noch unerfahrenen Soldaten zu führen.
Mit mehreren Klein-Bussen fuhr man Jeta zusammen mit den anderen Freiwilligen über die holprigen, albanischen Bergstrassen, nahe der Grenze zum Kosovo. Dort angekommen, rückte der Krieg für sie immer näher - Schüsse waren zu hören, Rauchwolken stiessen am Himmel auf.
Der Batallionskommandant der UÇK, Besa Curri, wartete bereits auf sie. Sie stammten allesamt aus verschiedenen Regionen des Kosovo und teilten sich von alleine in verschiedene Klein-Gruppen auf. In der Regel schlossen sie sich der Gruppe an, dessen Mitglieder aus der gleichen Region wie sie selber kamen.
"Sie waren moralisch auf den Krieg vorbereitet, obwohl sie aus einer völlig anderen Realität kamen. Sie kamen aus der Schweiz, aus Deutschland oder aus Schweden und die Realität dort war diametral entgegengesetzt, von dem was sie hier erwartete", erklärt Curri.
Es war ein ungleicher Kampf. Die schlecht ausgerüstete UÇK stand einer zahlenmässig stärkeren und militärtechnisch besser ausgerüsteten, serbischen Streitkraft entgegen. Jeta wusste, dass man diesem Nachteil nur mit einer starken Moral entgegen wirken konnte.
Diese Moral drückte sich auch auf den Zusammenhalt innerhalb seiner Truppe aus. "Jeta nahm mich immer zur Seite. Er wollte mich beschützen, weil ich der jüngste aus der Truppe war. Es gab Momente, da hat er sich bei Granatenbeschuss mit seinem ganzen Körper auf mich geworfen, damit mir nichts passiert."
Bei Morgendämmerung fielen die ersten Geschosse über sie her. "Wir dachten immer, dass die NATO bombardiert. Wir bemerkten sehr schnell, dass nicht die NATO, sondern dass die Serben hier am bombardieren waren."
Ein Geschoss explodierte in unmittelbarer Nähe der Kommandoeinheit von Jeta. Es traf einen seiner Soldaten. "Es dauerte nur 2 Minuten und Jeta war an Ort und Stelle. Zusammen mit drei, vier anderen trugen sie mich weg. Ich schaffte es noch etwa 200 Meter auf den Beinen. Sie leisteten erste Hilfe und banden meinen Arm zusammen, doch der hang nur noch wie ein seidener Faden an mir", erklärt Isuf Namiku.
Es dauerte nicht lange, da war Jeta wieder zurück an der Front. Ein serbischer Scharfschütze trieb gerade sein Unwesen. Bajram Berisha erinnert sich: "Es gelang uns ihm eine Falle zu stellen. Wir machten seine Position ausfindig und starteten eine Gegenoffensive, bei der es uns gelang, einige serbische Stellungen einzunehmen. Wir fanden in den Bunkern der Serben Waffen und Munition, die wir mitnahmen." Die UÇK hatte zu diesem Zeitpunkt nur leichte Waffen.
Am nächsten Morgen ging der Kampf weiter. Es fielen wieder Schüsse: "Es traf mich eine Kugel am linken Bein und gleich danach eine zweite Kugel an der rechten Schulter", erinnert sich Kreshnik Idrizaj. Es war wieder ein serbischer Scharfschütze. Jeta eilte Idrizaj zur Hilfe. Transportierte ihn zusammen mit zwei anderen Soldaten weg.
Auch Labinot Kastratij fiel auf, dass Jeta immer dort war, wo man ihn brauchte, dass er nie irgendwo fehlte.
Jeta war kein gewöhnlicher Kommandant. Er kämpfte zusammen mit seinen Soldaten immer an vorderster Front. Die serbischen Stellungen waren zum Teil nur 50 Meter von ihnen entfernt. Gab es einen Verwundeten, da eilte er zur Hilfe, transportierte ihn weg. Starb einer aus seiner Einheit, fühlte er sich für dessen Tod besonders verantwortlich, doch nie hat er an seiner Entschlossenheit, den Kampf bis zu letzt weiter zu führen, gezweifelt.
"Wir wussten nicht, dass der Krieg aufgehört hat. Es war ungefähr der 16. oder 17. Juni. Niemand informierte uns darüber. Wir führten den Krieg fort, bis wir bemerkten, dass der Kampf zu Ende ist", sagt Kastratij.
Als der Krieg vorüber war, zog es Jeta an eine andere Front. Er kehrte zurück nach Deutschland. Dort nahm er seine alte Arbeit als Dachdecker wieder auf und griff seiner Familie unter die Arme. Doch seine alten Freunde aus der Front, mit denen er zusammen gekämpft hatte, vergass er nie: "Jeta unterstützte mich sowohl moralisch, als auch finanziell", sagt Sokol Lajqieiner. Ein Geschoss war in seiner unmittelbaren Nähe explodiert. Es hatte sein Bein getroffen. Seither sitzt Sokol im Rollstuhl.
Jeta integrierte sich wieder in seine alte Umgebung in Deutschland. Sein früheres Hobby, den Fussball, nahm er wieder auf.
Doch dann nahm Jeta’s Leben ein tragisches Ende: "Dachdecker stirbt nach einem Stromschlag", titelten lokale Zeitungen von Lüneburg.
Vor allem seine alten Freunde, die mit ihm an vorderster Front kämpften, konnten die Nachricht nicht glauben. Sie hatten jeden Tag, jede Stunde und jede Minute gegen die serbischen Streitkräfte gekämpft. Es war eine Zeit, in der bis zu 500 Geschosse in einer Entfernung von etwa 100 Meter über sie herfielen. Der Tot war ihr ständiger Begleiter. Doch all dies hatte Jeta überlebt. Nun stirbt er. Es war kein serbischer Scharfschütze, keine serbischen Kampfflugzeuge und auch kein serbischer Panzer, die ihm das Leben nahmen, sondern eine defekte Steckdose an seinem Arbeitsplatz in Deutschland.
Jeta kämpfte für die Unabhängigkeit seines Landes, doch die darf er nicht mehr miterleben und dies verleiht seinem ohnehin schon tragischen Tod eine zusätzliche Tragik. Zur Unabhängigkeit des Kosovo, am 17. Februar 2008, hinterlegte ihm jemand an seinem Grab eine Karte. Unter der albanischen Flagge stand: "Urime Pavarsia, Jete" (dt. Alles Gute zur Unabhängigkeit, Jete).
Doch es sind nicht nur seine Freunde aus der Front, die um seinen Tod trauern. Auch seine brasilianischen Fussballfreunde, mit denen er zusammen in Deutschland gespielt hatte, erinnern sich an Jeta. "Ich werde nie vergessen, was die Familie von Jeta alles für mich getan hat. Sie haben mich in meiner schwersten Zeit, als ich aus Brasilien nach Deutschland kam, unterstützt. Das Restaurant der Familie Gashi war mein zweites zu Hause und dank den Brüdern Gashi hab ich eine zweite Familie gefunden", sagt Rubigen Baser.
Der Bruder von Jeta, Sefa, zeigt stolz die Fussball Medaillen, die Jeta vor und nach dem Krieg im Kosovo so zahlreich gewonnen hatte. Seine Leidenschaft für den Sport zeigt, dass Jeta mehr war als ein guter Soldat. Er war ein Idealist, ein Humanist und eben auch ein guter Fussballer. Und das macht ihn als Menschen so einzigartig. Ob es jetzt seine Familie, seine alten Freunde aus der Front, seine brasilianischen Fussballfreunde oder seine Arbeitskollegen sind. Sie alle haben etwas Besonderes über Jeta zu erzählen.
Die Mutter von Jeta sagt, dass es für sie leichter gewesen wäre, wenn ihr Sohn im Krieg gestorben wäre, als im Frieden so zu sterben. Als Jeta in den Krieg zog, versuchte sie ihn unter Tränen davon abzuhalten, doch er sagte ihr: "Nur wenn ich mein Gewehr auf der Schulter trage, wird mein Herz zur Ruhe kommen".
Jeta steht stellvertretend für alle, die ihr warmes Brot aus dem kalten Europa zurückliessen, um ihre Heimat in seiner schwersten Zeit nicht alleine zu lassen. Gedenken wir an Jeta, gedenken wir auch an sie.
------------- Verfasst von Selim Kelmendi -------------
|
Neuste Artikel
Neuste Artikel
- Der Kosovo fügt Serbien eine schwere Niederlage auf dem Amselfeld zu
- Kosovo-Unabhängigkeit ist rechtens
- IGH-Richter: Die Ausrufung der Unabhängigkeit des Kosovo hat das internationale Recht nicht verletzt
- Serbien lehnt Resolutions-Vorschlag der EU ab
- Die organisierte Kriminalität in Serbien
- Jahresrede von Präsident Sejdiu vor dem kosovarischen Parlament
- Thaçi: Tadic soll sich beim Volk des Kosovo entschuldigen
Meistgelesen
Meistgelesen
Meistkommentiert
Meistkommentiert
- Tadic und die Vergangenheitsbewältigung Serbiens (97)
- Athen: Lehrerin wegen Albanisch im Unterricht angeklagt (86)
- Ibrahim Rugova: Ein ganzes Leben für ein unabhängiges Kosovo (72)
- "Bosnien soll die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen" (64)
- Sejdiu-Medwedew: "Das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen" (56)
- Haben die Kosovaren den Kosovo erobert? (55)
- Ashton: Die Zukunft des Kosovo liegt in der EU (54)

Albanien - Mit offenen Augen durch die Welt! Der komplette Reisebegleiter für Individualisten...
Weiterlesen...

Von Susanne Dell - Dieses Buch stellt Kosovo als Reiseland vor - allen Vorurteilen zum Trotz....
Weiterlesen...
Zweite Meinung
-
Weblinks
-
Tony Blair hat in Pristina viele kleine Namensvetter (113)
WELT ONLINE -
Altstädte von Berat und Gjirokastra in Albanien (334)
WELT ONLINE -
Ruinenstadt Butrint in Albanien (284)
WELT ONLINE -
Kritik an EULEX im Kosovo (348)
NZZ ONLINE -
Galerius-Palast in Gamzigrad (Romuliana) im Kosovo (297)
WELT ONLINE -
Schüler bringen Krankenbetten in den Kosovo (359)
Schwäbische Zeitung -
Serbien soll sich mit Verlust Kosovos abfinden (989)
NZZ -
"Serbien vergeudet nur Zeit" (580)
derstandard.at -
Mönche gehen sich an die Kutte (450)
TAZ.de
-
Tony Blair hat in Pristina viele kleine Namensvetter (113)
Neuste Kommentare
Neuste Kommentare
- IGH-Richter: Die Ausrufung der Unabhängi...
Na dann: Erneut einen aller herzlichsten Glückwuns... Mehr...
Von: stan73 - Jahresrede von Präsident Sejdiu vor dem ...
Bravo Applaus rrnofsh o Präsident ishallah edhe 10... Mehr...
Von: Edi - Thaçi: Tadic soll sich beim Volk des Kos...
Na da ist ja ein Lichtschimmer zu sehen. Endlich b... Mehr...
Von: Edi - Wieso will Serbien einen Gebietsaustausc...
Zunächst einmal möchte ich dem Schreiber dieses Be... Mehr...
Von: Edi - Leserbrief: Der Kosovo darf Joschka Fisc...
ganz der meinung!!! joschka sollte auch geehrt wer... Mehr...
Von: GJILANI - Anti Korruptions Agentur gibt Vermögen v...
Vermögen heißt nicht wieviel Geld man auf dem Kont... Mehr...
Von: Ximble
![]() Albanien: Platz 1 im Urlaubs-CheckAlbanien gewann mit Saranda - der kleinen aber feinen Stadt am Strand mit kristallklarem Wasser - den ersten Platz im Urlaubs-Check der zwei deutschen U... mehr... |
Neuste Artikel
- Der Kosovo fügt Serbien eine schwere Niederlage auf dem Amselfeld zu
- Kosovo-Unabhängigkeit ist rechtens
- IGH-Richter: Die Ausrufung der Unabhängigkeit des Kosovo hat das internationale Recht nicht verletzt
- Serbien lehnt Resolutions-Vorschlag der EU ab
- Die organisierte Kriminalität in Serbien
- Jahresrede von Präsident Sejdiu vor dem kosovarischen Parlament
- Thaçi: Tadic soll sich beim Volk des Kosovo entschuldigen
Meistgelesen
Meistkommentiert
- Tadic und die Vergangenheitsbewältigung Serbiens (97)
- Athen: Lehrerin wegen Albanisch im Unterricht angeklagt (86)
- Ibrahim Rugova: Ein ganzes Leben für ein unabhängiges Kosovo (72)
- "Bosnien soll die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen" (64)
- Sejdiu-Medwedew: "Das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen" (56)
- Haben die Kosovaren den Kosovo erobert? (55)
- Ashton: Die Zukunft des Kosovo liegt in der EU (54)
-
Weblinks
-
Tony Blair hat in Pristina viele kleine Namensvetter (113)
WELT ONLINE -
Altstädte von Berat und Gjirokastra in Albanien (334)
WELT ONLINE -
Ruinenstadt Butrint in Albanien (284)
WELT ONLINE -
Kritik an EULEX im Kosovo (348)
NZZ ONLINE -
Galerius-Palast in Gamzigrad (Romuliana) im Kosovo (297)
WELT ONLINE -
Schüler bringen Krankenbetten in den Kosovo (359)
Schwäbische Zeitung -
Serbien soll sich mit Verlust Kosovos abfinden (989)
NZZ -
"Serbien vergeudet nur Zeit" (580)
derstandard.at -
Mönche gehen sich an die Kutte (450)
TAZ.de
-
Tony Blair hat in Pristina viele kleine Namensvetter (113)
Neuste Kommentare
- IGH-Richter: Die Ausrufung der Unabhängi...
Na dann: Erneut einen aller herzlichsten Glückwuns... Mehr...
Von: stan73 - Jahresrede von Präsident Sejdiu vor dem ...
Bravo Applaus rrnofsh o Präsident ishallah edhe 10... Mehr...
Von: Edi - Thaçi: Tadic soll sich beim Volk des Kos...
Na da ist ja ein Lichtschimmer zu sehen. Endlich b... Mehr...
Von: Edi - Wieso will Serbien einen Gebietsaustausc...
Zunächst einmal möchte ich dem Schreiber dieses Be... Mehr...
Von: Edi - Leserbrief: Der Kosovo darf Joschka Fisc...
ganz der meinung!!! joschka sollte auch geehrt wer... Mehr...
Von: GJILANI - Anti Korruptions Agentur gibt Vermögen v...
Vermögen heißt nicht wieviel Geld man auf dem Kont... Mehr...
Von: Ximble
Copyright © 2010 by ora-online.ch.







Kommentare
e di se ti ke luftu per lirin dhe pavarsine e vendlindjes tende...shpresoj se deshira jote ( deshira e te gjithe shqiptarve) do te plotesohet nje dite. populli jone ka nevoj per bashkim... dhe bashkimi do t´na bien lirine e kerkuar
me vjen keq Zitieren